Migräne im Arbeitsalltag – Handlungsansätze für die Arbeitsmedizin: „Je mehr Druck entsteht, desto schlimmer wird es.“

Ein Gespräch mit Frau Professor Dr. Dagny Holle-Lee über Prävention, Sensibilisierung und die Rolle der Arbeitsmedizin

Migräne zählt zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen und beeinträchtigt viele Betroffene auch im Berufsalltag. Trotzdem wird sie im Arbeitskontext oft unterschätzt oder missverstanden.
Wir haben mit Prof. Dr. Dagny Holle-Lee, Fachärztin für Neurologie und Leiterin des Westdeutschen Kopfschmerz- und Schwindelzentrums am Universitätsklinikum in Essen, darüber gesprochen, wie Arbeitsmedizinerinnen und Arbeitsmediziner wirksam unterstützen können.

(Im Folgenden werden Arbeitsmedizinerinnen und Arbeitsmediziner einheitlich für betriebsärztlich tätige Ärztinnen und Ärzte verwendet.)

Frau Professor Dr. Holle-Lee, welche Rolle spielt die Arbeitsmedizin im Umgang mit Migräne?

Eine sehr wichtige – vor allem präventiv. Arbeitsmedizinerinnen und Arbeitsmediziner können dazu beitragen, Unterstützungsbedarf frühzeitig zu erkennen. Nicht selten fällt im Unternehmen auf, dass jemand regelmäßig wegen Kopfschmerzen ausfällt. Dann braucht es Ansprechpersonen, die zunächst zuhören und ein Gespräch in einem druckfreien Rahmen ermöglichen. Ziel ist es zu klären, ob bereits eine Diagnose vorliegt und ob eine neurologische Anbindung besteht – oder hergestellt werden sollte.

Welche konkreten Veränderungen im Arbeitsalltag können Migränebetroffenen helfen?

In vielen Fällen sind es kleine Anpassungen mit großer Wirkung: Rückzugsräume sind wichtig. Schon eine halbe Stunde Ruhe kann eine Attacke abmildern.
Auch die Arbeitsumgebung lässt sich häufig verbessern: Individuell anpassbare Lichtverhältnisse, Blaulichtfilter bei der Bildschirmarbeit oder die Reduktion von Hintergrundgeräuschen können entlastend wirken. In Großraumbüros sind Anpassungen besonders wichtig, da diese für Migränebetroffene stark belastend sein können. Ebenso wichtig sind Struktur und verlässliche, feste Pausen: Echte Auszeiten vom Bildschirm statt Arbeiten „nebenbei“ und kurze Bewegungseinheiten können helfen, Überlastung zu vermeiden und individuelle Belastungsfaktoren frühzeitig zu erkennen.
Weiterhin spielen Arbeitszeitmodelle eine Rolle: Flexible Regelungen oder eine Reduktion von Nachtdiensten können helfen, da gerade Nachtdienste bei vielen dazu führen, dass im Anschluss Migräneattacken auftreten.
Auch das Homeoffice kann für manche Betroffene eine deutliche Entlastung bedeuten. Viele können nach einer Attacke zeitversetzt beginnen oder ihre Arbeit besser an den eigenen Rhythmus anpassen.

Ist Stress – etwa in Führungspositionen – ein besonderer Risikofaktor?

Nicht pauschal. In einer Führungsposition kann es sogar einfacher sein, sich abzugrenzen. Denn in der Regel können Führungskräfte eher kommunizieren, dass sie für einen bestimmten Zeitraum nicht erreichbar sind. Entscheidend ist nicht die Hierarchie, sondern die Möglichkeit zur Selbstregulation.

Wie gehen Migränebetroffene im Arbeitsalltag mit ihren Migräneattacken um?

Zahlreiche Patientinnen und Patienten versuchen, möglichst nicht aufzufallen und ihre Beschwerden im Arbeitsalltag nicht sichtbar werden zu lassen. Oft wird ein Schmerzmittel eingenommen und weitergearbeitet. Das kann kurzfristig funktionieren, birgt aber langfristig das Risiko einer Chronifizierung. Ein Teil der Erkrankten hat Migräne vor allem am Wochenende – durch Stressreduktion. Sie nutzen diese Zeit zur Regeneration, um am Montag wieder arbeitsfähig zu sein und um Diskussionen im beruflichen Kontext möglichst zu vermeiden.

Welche Rolle spielt die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Hausärztinnen und Hausärzten, Neurologinnen und Neurologen sowie der Arbeitsmedizin?

Sie ist entscheidend. Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die ärztlich begleitet werden sollte. Dafür braucht es eine klare Rollenverteilung und gute Kommunikation zwischen den Beteiligten.

Hausärztinnen und Hausärzte sind in der Regel die erste Anlaufstelle. Neurologinnen und Neurologen stellen die Diagnose und legen die leitliniengerechte Therapie fest. Arbeitsmedizinerinnen und Arbeitsmediziner wiederum können im betrieblichen Kontext unterstützen und helfen, Arbeitsbedingungen anzupassen.
Ich stelle regelmäßig Atteste für Arbeitsmedizinerinnen und Arbeitsmediziner aus, um Druck aus der Situation zu nehmen. Denn je mehr Druck von Arbeitgeberseite entsteht, desto schlimmer wird das Ganze.

Ein zentraler Aspekt ist die fehlende Planbarkeit der Erkrankung. Migräne tritt häufig unvorhergesehen auf und ist keine Frage von Willenskraft. Gerade deshalb ist es wichtig, dass alle Beteiligten an einem Strang ziehen und realistische Erwartungen formulieren.

Worin sehen Sie die größten Hürden und Herausforderungen im Umgang mit Migränebetroffenen?

Das Wichtigste ist, Migräne sicher erkennen zu können. Die Diagnose wird noch immer zu selten gestellt. Zu oft werden Beschwerden vorschnell als „Stress“ oder „Verspannung“ eingeordnet – auch im medizinischen Kontext. Typische Aussagen wie „Trink doch mal mehr“, „Du hast bestimmt das falsche Kopfkissen“ oder „Du musst einfach deinen Stress reduzieren“ vermitteln Betroffenen Schuldgefühle. Zudem kursieren in sozialen Medien zahlreiche vereinfachende oder falsche Erklärungen, die die Erkrankung weiter verharmlosen. Dabei handelt es sich um eine klar definierte medizinische Erkrankung – nicht um mangelnde Belastbarkeit.

Welche Rolle spielen hormonelle Faktoren?

In der Perimenopause kann sich Migräne deutlich verschlechtern. In einer Lebensphase, in der Frauen mit ihren Beschwerden häufig nicht ausreichend ernst genommen werden, verschärft sich die Situation zusätzlich. Hormonelle Schwankungen können Attacken verstärken oder vermehrt auftreten lassen. Diese Zusammenhänge sollten auch im Arbeitskontext berücksichtigt werden.

Was wünschen Sie sich konkret von der Arbeitsmedizin?

Ich wünsche mir, dass Betroffene proaktiv Gesprächsangebote erhalten – als echtes Hilfsangebot und nicht als Kontrolle. Wenn Mitarbeitende das Gefühl haben, nichts sagen zu dürfen und mit ihren Beschwerden nicht gehört zu werden, entsteht eine Spirale aus Druck, Verschlechterung und in der Folge weiteren krankheitsbedingten Ausfällen.

Fazit

Migräne ist keine Randerscheinung, sondern ein relevanter Faktor für die Arbeitsfähigkeit. Arbeitsmedizinerinnen und Arbeitsmediziner können am Arbeitsplatz maßgeblich dazu beitragen, schon früh Gespräche zu ermöglichen, Druck zu reduzieren und gemeinsam mit anderen Fachdisziplinen individuelle Lösungen zu entwickeln.

Prof. Dr. Dagny Holle-Lee, Fachärztin für Neurologie und Leiterin des Westdeutschen Kopfschmerz- und Schwindelzentrums am Universitätsklinikum in Essen
(Foto: © Frank Lothar Lange)