Interview
Weiterbildungsqualifikationen auf Rekordniveau: „Jetzt kommt es darauf an, diese Entwicklung nachhaltig zu sichern“
In ihrer neuen Ausgabe berichtet die Fachzeitschrift ASU – Arbeitsmedizin, Sozialmedizin, Umweltmedizin über Rekordzahlen bei den arbeitsmedizinischen Weiterbildungsqualifikationen. Grundlage sind aktuelle Daten der Bundesärztekammer: Allein 2025 wurden 301 Anerkennungen zur Fachärztin bzw. zum Facharzt für Arbeitsmedizin gemeldet. Seit 2010 hat sich diese Zahl mehr als verdoppelt. Auch die Zusatzweiterbildung Betriebsmedizin verzeichnet deutliche Zuwächse.
Was steckt hinter dieser Entwicklung? Hat sich der Blick auf die Arbeitsmedizin verändert – und wo besteht trotz der positiven Zahlen weiterhin Handlungsbedarf? Im Interview ordnet Prof. Dr. Thomas Kraus, Vorsitzender vom Aktionsbündnis Arbeitsmedizin, die neuen Zahlen ein.
Herr Prof. Dr. Kraus, noch vor einigen Jahren war beim arbeitsmedizinischen Nachwuchs von einem Engpass die Rede. Wie ordnen Sie die aktuellen Rekordzahlen ein – erleben wir tatsächlich eine Trendwende?
Die Entwicklung ist sehr erfreulich. Die arbeitsmedizinischen Akademien sind so gut besucht wie seit Jahren nicht mehr, gleichzeitig steigen die Facharztanerkennungen. Aus meiner Sicht zeigt sich hier, dass die Maßnahmen der vergangenen Jahre greifen. Dazu zählt die Novellierung der Muster-Weiterbildungsordnung: Weiterbildungszeiten aus anderen medizinischen Fachgebieten können leichter angerechnet werden. Das macht den Wechsel in die Arbeitsmedizin deutlich attraktiver und hat zu einem spürbaren Zustrom aus anderen Fachrichtungen geführt. Frühere eher pessimistische Prognosen zur Entwicklung der Facharztzahlen haben sich damit in dieser Form nicht bestätigt. Auch das Engagement des Aktionsbündnisses hat dazu einen Beitrag geleistet: Wir machen das Fach Arbeitsmedizin und seine Wirkung in der Praxis sichtbarer. Zudem unterstützen wir mit unserem Förderprogramm den medizinischen Nachwuchs– mit Stipendien, Mentoring und unserem Wettbewerb NextLevel.
Sie erleben Studierende sowie Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung unmittelbar. Wie blickt der medizinische Nachwuchs heute auf die Arbeitsmedizin? Was hat sich im Vergleich zu früher verändert, und welches Vorurteil will einfach nicht weichen?
Wir erleben ein großes Interesse an einer Weiterbildung in der Arbeitsmedizin – auch bei Ärztinnen und Ärzten, die bereits mehrere Jahre in anderen Fachgebieten tätig waren. Oft suchen sie nach Erfahrungen im Klinikbetrieb nach einer neuen beruflichen Perspektive. Der präventive und gesundheitsfördernde Ansatz der Arbeitsmedizin wird dabei zunehmend als sinnstiftend wahrgenommen: Es geht nicht nur darum, Erkrankungen zu behandeln, sondern möglichst früh dazu beizutragen, dass sie gar nicht erst entstehen.
Vereinzelt hält sich das Vorurteil, in der Arbeitsmedizin könne man „eine ruhige Kugel schieben“. Das entspricht natürlich nicht der Realität. Vielmehr ist das Anforderungsprofil der präventiv ausgerichteten Arbeit ein anderes als das auf einer Krankenhausstation. Gleichzeitig bietet die Arbeitsmedizin häufig eine bessere Planbarkeit und mehr Gestaltungsspielraum, in der Regel ohne Nacht- und Wochenenddienste. Auch das macht unser Fach für viele Ärztinnen und Ärzte attraktiv und erleichtert die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Die steigenden Zahlen bei Facharztanerkennungen und Zusatzweiterbildung sind ein starkes Signal. Welchen weiteren Handlungsbedarf sehen Sie?
Die aktuellen Zahlen stimmen zuversichtlich. Jetzt kommt es darauf an, diese positive Entwicklung nachhaltig zu sichern. Denn es gibt weiterhin Regionen, in denen Unternehmen Schwierigkeiten haben, eine Betriebsärztin oder einen Betriebsarzt zu finden.
Es ist wichtig, jetzt deutlich zu zeigen, dass Arbeitsmedizin wirkt und auch dort ankommt, wo sie wirksam werden soll: bei den Beschäftigten und bei den Unternehmen. Menschen verbringen einen großen Teil ihrer Zeit am Arbeitsplatz, der damit ein wichtiges Handlungsfeld für Prävention ist. Das Aktionsbündnis Arbeitsmedizin bietet dafür ein engagiertes und starkes Netzwerk.
Mehr zu den aktuellen Zahlen und Hintergründen:
ASU Arbeitsmedizin: „Anzahl der arbeitsmedizinischen Weiterbildungsqualifikationen auf Rekordniveau“

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Univ.-Prof. Dr. med. Thomas Kraus, Leiter des Instituts für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin am Universitätsklinikum Aachen