So wird aus Vorsorge Versorgung

Wie eine Orthopädie-Sprechstunde, ein Herz-Kreislauf-Check und ein frühzeitiges Betriebliches Eingliederungsmanagement die Arbeitsfähigkeit sichern

Zur Person

Dr. med. Pascal Gräff ist Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie sowie Notarzt. Auf der Suche nach mehr Abwechslung im beruflichen Alltag wechselte er nach acht Jahren klinischer Tätigkeit im Oktober 2024 in die Arbeitsmedizin. Heute arbeitet er bei der PRAE A MED, einem überbetrieblichen arbeitsmedizinischen Dienst im niedersächsischen Bückeburg. Seit Kurzem trägt er die Zusatzbezeichnung Betriebsmedizin und absolviert die Weiterbildung zum Facharzt für Arbeitsmedizin. Mit dem Projekt „BEM in Verbindung mit Orthopädie-Sprechstunde und Herz-Kreislauf-Check“ belegte er beim NextLevel-Wettbewerb 2025 den ersten Platz.

Im Gespräch mit Dr. Pascal Gräff

Herr Dr. Gräff, warum liegt Ihnen die Arbeitsmedizin am Herzen?
In der Klinik hatte ich zunehmend das Gefühl: „Und täglich grüßt das Murmeltier.“ Auch in der Unfallchirurgie sind sieben von zehn Operationen in der Woche doch recht gleich. Mein aktueller Chef nennt die Arbeitsmedizin gern „Die Sendung mit der Maus für Erwachsene“: Man darf überall hineinschauen und überlegt zugleich, wie Arbeit sichergestaltet werden kann. Vor allem aber erreiche ich die Menschen anders. In einem Glas verarbeitenden Betrieb sollte ich beispielsweise über Schnittverletzungen sprechen, weil viele Mitarbeitende beim Anheben großer Glasscheiben auf Handschuhe verzichteten. Statt Schockbilder zu zeigen, habe ich aus meinem chirurgischen Alltag berichtet: Wer sich die Sehnen in der Hand durchtrennt, hat danach mindestens ein Jahr Physio- und Ergotherapie vor sich. Damit dringt man durch – das gelingt in nur noch wenigen Bereichen der Medizin.

Woher kam der Impuls für Ihr Projekt?
Einen einzelnen Auslöser gab es nicht. Mir fiel aber auf, dass bei der Vorsorge für körperlich belastende Tätigkeiten Beschäftigte häufig sagten: „Ich habe Rückenschmerzen – aber finden Sie mal einen Orthopäden.“ Ich habe mich dann mit ihnen unterhalten und festgestellt: Meist fehlte schlicht der körperliche Ausgleich. Oft hieß es: „Die Arbeit ist mein Sport.“ Aber Arbeit ist anstrengend und sicher keine Entlastung. Also habe ich den Betroffenen Übungen gezeigt, die sie zu Hause ausführen sollten. Als ich einige von ihnen bei Betriebsbegehungen wiedertraf und hörte, wie hilfreich die empfohlenen Übungen für sie gewesen waren, wurde mir klar: Da sollten wir genauer hinschauen. Daraus entstand schließlich die Orthopädie-Sprechstunde. Später kamen der Herz-Kreislauf-Check und das anlasslose Betriebliche Eingliederungsmanagement (BEM) hinzu.

Welchen Rat geben Sie Kolleginnen und Kollegen, die ein ähnliches Projekt in der Praxis umsetzen möchten?
Beginnen Sie mit langjährigen Partnerbetrieben. Dort ist das Wissen um den Mehrwert der Arbeitsmedizin gefestigt und Ansprechpersonen sind aufgeschlossen für innovative Zusatz-Angebote. Unternehmen, die die betriebsärztliche Grundbetreuung erst seit Kurzem finanzieren, sind für weitere Investitionen oft noch nicht bereit. Entscheidend ist, den Arbeitgebenden den betriebswirtschaftlichen Nutzen transparent darzulegen. Welche Kosten entstehen – und welcher Ertrag steht ihnen gegenüber?

Das Projekt: Return to Work – BEM in Verbindung mit Orthopädie-Sprechstunde und Herz-Kreislauf-Check

Stetig steigende Arbeitsunfähigkeitstage (AU-Tage) sind eine Belastung für Unternehmen.
Ein erheblicher Teil dieser AU-Tage lässt sich jedoch durch gezielte arbeits- und präventivmedizinische Ansätze reduzieren. Zum Beispiel durch Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung und über eine nachhaltige Verbesserung des allgemeinen Gesundheitszustands der Beschäftigten.

Hier setzt Dr. Gräffs Projekt mit drei Maßnahmen an:

  • eine Orthopädie-Sprechstunde vor Ort
  • ein Herz-Kreislauf-Check mit KI-gestützter EKG-Auswertung
  • ein anlassloses BEM

Die Beschäftigten erhalten dadurch die Möglichkeit einer ärztlichen Beratung und Unterstützung ohne längere Wartezeiten. Das Konzept wird derzeit in zwei Unternehmen umgesetzt, die von der PRAE A MED bereits seit Jahren betreut werden.

Maßnahme eins – die Orthopädie-Sprechstunde – entwickelte sich aus Kurzberatungen bei der Vorsorge und wird stark nachgefragt. Die Umsetzung variiert: Ein Unternehmen nutzt einen externen Orthopäden, während Dr. Gräff die Sprechstunde im anderen Betrieb ohne festen Tag flexibel in seine reguläre Arbeitszeit einplant. Seine Kontakte zu spezialisierten Kolleginnen und Kollegen sind hierbei besonders bedeutsam. Damit verhalf er bereits vier Beschäftigten kurzfristig zur Operation, die zuvor keinen fachärztlichen Termin vereinbaren konnten: Teils saßen sie schon am nächsten Tag in einer orthopädischen Praxis, eine Woche später folgte der Eingriff. Dafür genügte ein Anruf bei einem Kollegen und die entscheidenden MRT-Bilder – Doppeldiagnosen und Wartezeiten ließen sich so vermeiden. Dieses Vorgehen spart wertvolle Zeit: Die Operation ist ohnehin nötig und die oft langwierige Suche nach einem fachärztlichen Termin verursacht zusätzliche Fehltage. Abgesehen von einzelnen Großkonzernen kennt Dr. Gräff kein vergleichbares Angebot. Orthopädinnen und Orthopäden sind in der Arbeitsmedizin ohnehin eine Seltenheit.

Die zweite Maßnahme ist der Herz-Kreislauf-Check – eine Vorsorgeuntersuchung zur Früherkennung von Risikofaktoren für Herzinfarkt und Schlaganfall. Kern der rund 30-minütigen Diagnostik ist eine KI-gestützte Vektorkardiographie (Cardisio), kombiniert mit Anamnese, Laborwerten und bei Bedarf einer Ergometrie. Die EKG-Daten werden dabei mithilfe eines KI-basierten Systems ausgewertet. Ergänzend wird das persönliche Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko für die nächsten zehn Jahre ermittelt. Die Ergebnisse werden direkt mit den Beschäftigten besprochen und bei Bedarf Lebensstiländerungen und Therapieschritte eingeleitet, die per Arztbrief auch an die hausärztliche Praxis übermittelt werden können. Auffällige Ergebnisse werden anschließend ärztlich weiter abgeklärt.

Wie wichtig das sein kann, zeigt ein Fall, den Dr. med. Mathias Eisheuer, Dr. Gräffs Vorgesetzter, erlebte. Der Facharzt für Arbeitsmedizin und Allgemeinmedizin hat während seiner Ausbildung mehrere Jahre in der Kardiologie gearbeitet. Die Untersuchungsergebnisse eines Beschäftigten waren so alarmierend, dass er unmittelbar für eine Herzdiagnostik ins Krankenhaus eingewiesen und dort noch am selben Abend untersucht wurde. Zunächst war der Mann verärgert. Bei der regulären Vorsorge ein halbes Jahr später sah er es anders: Er hatte verstanden, wie lebensgefährlich die Situation für ihn war. Im schlimmsten Fall, sagt Dr. Gräff, hätte er die nächste Vorsorge nicht mehr erlebt – oder das Team hätte ihn nach einem schweren Infarkt und zwei Jahren Ausfall mit zwei Stunden täglich wiedereingegliedert.

Die dritte Maßnahme ist ein anlassloses BEM. Gesetzlich müssen Arbeitgeber ein solches erst anbieten, wenn Beschäftigte innerhalb der letzten zwölf Monate länger als sechs Wochen arbeitsunfähig waren. Gräff setzt hier schon früher an: Wer spürt, dass ihn ein Problem auf Dauer krank machen könnte, oder bereits überlegt, sich krankzumelden, kann sich freiwillig an das betriebsärztliche Team wenden. Bei psychischen Belastungen hilft die Kooperation mit der berufspsychiatrischen Sprechstunde einer Klinik. Die meisten Anliegen sind jedoch orthopädisch. Besonders häufig sind Nackenschmerzen. Liegt die letzte Vorsorge zur Bildschirmarbeit zehn Jahre zurück, folgt zunächst ein Sehtest. Manchmal reicht eine passende Bildschirmbrille, um Beschwerden und Fehlzeiten vorzubeugen. Bekannt gemacht wird das Angebot in den Betrieben über Aushänge und im Rahmen von Gesundheitstagen.

Dass die Beschäftigten solche Angebote auch annehmen, hat mit Vertrauen zu tun. Die Sorge, der Arbeitgeber könne Untersuchungsergebnisse einsehen, spielt in den langjährig betreuten Unternehmen kaum eine Rolle. Es gilt die ärztliche Schweigepflicht: Befundbriefe gehen direkt nach Hause, Laborwerte sehen nur die Betroffenen selbst sowie das ärztliche Team. Das Angebot wird von allen Geschlechtern gleichermaßen in Anspruch genommen.

Spezialisierte, oft familiengeführte Unternehmen profitieren besonders von dem Angebot. Dort tragen häufig langjährige Fachkräfte den Betrieb mit ihrer Erfahrung. Fällt jemand von ihnen langfristig aus, entsteht eine Lücke, die sich nur schwer schließen lässt.

„Erfahrene Kräfte, die einen Betrieb seit zwanzig Jahren am Laufen halten, ersetzt man nicht von heute auf morgen.“

Zuversichtlich blickt Dr. Gräff auf den Wandel der Arbeitswelt. Die Arbeitsmedizin müsse mit Veränderungen Schritt halten und flexibel bleiben. Auch sein eigenes Modell soll weiterwachsen: Sobald neu betreute Unternehmen den Nutzen erkannt haben, will das Team ihnen die drei Maßnahmen ebenfalls anbieten. Das Ziel bleibt dasselbe: helfen, bevor jemand ausfällt.

Dr. med. Pascal Gräff, 1. Preisträger NextLevel Arbeitsmedizin 2025, bei der Urkundenübergabe durch Prof. Dr. Thomas Kraus, Vorstandsvorsitzender des Aktionsbündnis Arbeitsmedizin.

„In der Arbeitsmedizin dringt man noch wirklich zu den Menschen durch.“

Sie haben selbst ein innovatives Projekt aus der arbeitsmedizinischen Praxis? Dann reichen Sie es ein! Der NextLevel-Wettbewerb 2026 läuft noch bis zum 30. September.

NextLevel Arbeitsmedizin 2026 – Jetzt bewerben

Mit dem Wettbewerb NextLevel Arbeitsmedizin zeichnet das Aktionsbündnis Arbeitsmedizin jährlich Best-Practice-Projekte aus der betriebsmedizinischen Praxis aus.

Themen 2026:

  • Gendergerechte Arbeitsmedizin: Geschlechtersensible Gesundheitsrisiken und Präventionsansätze
  • Return to Work: Wiedereingliederung & Betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM)
  • AI@Work: Künstliche Intelligenz in der Arbeitsmedizin

Teilnahmeberechtigt:

Ärztinnen und Ärzte, die sich in der Weiterbildung im Fach Arbeitsmedizin oder zum Erwerb der Zusatzbezeichnung Betriebsmedizin befinden.

Einsendeschluss: 30. September 2026

Preisgelder: 1. Platz 5.000 € | 2. Platz 3.000 € | 3. Platz 2.000 €

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